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Grenzerfahrung Alpenbrevet

Am 31.08.13 stand für mich das Jahreshighlight auf dem Programm.

Das Alpenbrevet auf der Platinstrecke mit 276km und 7031hm ist wohl so ziemlich der schwerste Radmarathon, bei dem sich Jedermann anmelden kann. Zwar behauptet dies sicherlich fast jede Veranstaltung dieser Art, jedoch kann man angesichts der Daten schlecht das Gegenteil behaupten.

5 Pässe gilt es zu überwinden, darunter die höchste Passstraße der Schweiz. Ich reiste zusammen mit Freunden am 29.08. an. Auf dem Hasliberg in Reuti bezogen wir in einer kleinen aber feinen Pension unser Quartier. Bei einer kurzen Runde auf dem Rad spürte ich irgendwie, dass es mir nicht so recht gut ging. Meine Lunge machte mir Probleme und es schmerzte, sobald ich ein kleinwenig außer Atem kam. Anschließend hatte ich das Gefühl, eine Erkältung klopft an die Tür. Zum Glück wurde es jedenfalls nicht schlimmer.

Dann war der große Tag gekommen. Die Wetteraussichten waren bestens. Kein Regen in Sicht und in den Tälern konnte man Temperaturen um die 25 Grad erwarten.

Ich platzierte mich in dem riesigen Starterfeld von 2444 Teilnehmern im vorderen Drittel, und 6.45 Uhr erfolgte der Startschuss. Kurz nach dem Ortsschild wurde das Tempo dann auch schon ordentlich angezogen.

 

Zu diesem Zeitpunkt war ich noch hoch motiviert und total ahnungslos, welches Martyrium mir noch bevor stand.

 

 

 

 

 

 

 

Grimselpass

Nach einer kleinen Welle und gerade einmal 6km begann der Anstieg auf die erste Passhöhe. Auf 26,5km ging es 1506hm hinauf zum Grimselpass. Mit durchschnittlich 7% ließ er sich recht flüssig treten, aber man spürte, dass durch die Länge schon ordentlich Körner aus den Beinen gezogen wurden. Auf zwei Flachstücken, entlang von Stauseen konnte man sich eigentlich ein wenig erholen, jedoch klappte es bei mir mal wieder nicht und ich jagte allein einer Gruppe mit 40km/h hinterher, um doch noch ein wenig Windschatten abzubekommen. Natürlich holte ich sie rechtzeitig zur nächsten Steigung wieder ein. Der Plan war, auf diesem Stück entspannt den ersten Riegel zu mampfen. Dies holte ich dann hustend, keuchend und spuckend auf dem folgenden 11% Stück nach. Endlich erreichte ich die letzten Kehren zur Passhöhe, die ich mir deutlich leichter vorgestellt hatte. Nun hatte ich das erste Mal einen Alpenpass bezwungen. Die Freude war nicht besonders groß, denn 4 Stück davon folgten noch. Bei frischen 7 Grad stopfte ich, oben angekommen auf 2150hm, die Trikottaschen voll, zog die Windjacke und Handschuhe an und brauste in die Abfahrt. Die ersten Kehren waren etwas nervös und unrund, aber dann hatte ich meinen Spaß und ließ es ordentlich laufen.

 

Nufenenpass

Bei Kilometer 50 stand der zweite Pass an. Mit 13km Länge und 1088hm sollte dies meiner Vorplanung nach einer der einfacheren Anstiege werden. Ich wusste zwar, dass ab Beginn der Steilwand die Steigung nicht mehr unter 9% sinkt, aber dass es die ganze Zeit vorher auch schon so steil gen Himmel strebt, hatte ich nicht erwartet. Tatsächlich ging es durchschnittlich mit 9% bergauf mit Spitzen von 13%.

Ab hier begann die Qual. Neidisch schaute ich zu Mitstreitern in den Kehren ein paar Höhenmeter über mir. Aber genauso kann ich ein wenig Schadenfreude über die weit unter mir nicht leugnen und dachte mir nur: „Wenn ihr wüsstet, was euch noch bevor steht.“ Nach einer qualvollen Fahrzeit von 1:10h kam ich völlig kaputt auf dem höchsten Pass der Schweiz auf 2440m an. So langsam begriff ich, was ich mir hier eigentlich vorgenommen hatte. Aber das wurde schnell wieder verdrängt und es ging in die wohlverdiente Abfahrt. Nun ja, sie war nicht gerade angenehm zu fahren. Die Fahrbahn bestand aus Betonplatten und man hatte diesen noch aus DDR Zeiten bekannten Dupp-Dupp Effekt von den Autobahnen. Leider gingen dieses Schläge nicht in das Fahrwerk eines Autos, sondern direkt in meine Knochen. Die Kehren mussten hart angebremst werden, und ich habe mit voller Kraft an den Hebeln ziehen müssen. Unglaublich, wie manche sich in die Abfahrten stürzten. Selbst vor Haarnadelkurven schienen einige gar nicht zu bremsen.

Nachdem die steilsten Abschnitte überstanden waren, passierte es. Ich spürte schon die letzten Wochen vorher, dass etwas nicht mit meiner Muskulatur stimmt. Ständig neigten meine Beine dazu zu krampfen und das nicht nur bei Anstrengung, sondern selbst beim Einklicken in die Pedale. Und nun auf der Abfahrt(!) beim lockeren Treten verkrampfte mein linker Oberschenkel. Noch nie hatte ich beim Radfahren einen Krampf. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte und versuchte mit meiner Hand es raus zu streichen, aber sobald ich wieder mit Pedalieren begann, kam es immer wieder. Was für ein unangenehmer Schmerz! Doch so überraschend die Verkrampfung auftrat, war sie auch plötzlich wieder weg. Mir war aber klar, dass dies gar kein gutes Zeichen zum Bestehen der nächsten Prüfungen sein wird.

 

Lukmanier

Mit Verdrängungstaktik gegenüber dem, was gerade passiert war, ging es weiter. Ein kurzer Zwischenstopp an der Steckenteilung der Gold und Platinstrecke machte wieder Mut, weiter zu machen. Nun folgte ein Streckenabschnitt, der wie Balsam auf die geschundenen Knochen wirkte. Mit 1 bis 3% Gefälle ging es auf 36km knapp 900hm abwärts nach Biasca. Endlich konnte ich auch wieder ein wenig nach links und rechts schauen. Man war plötzlich in einer ganz anderen Klimazone. Die Berghänge waren hier mit Grün wahrlich überwuchert. Am Straßenrand standen Palmen und es wurde richtig sommerlich warm. Ich fand eine gut funktionierende Gruppe und mit einem 43er Schnitt flogen wir durch diese wunderschöne Gegend. Mir ging es deutlich besser und fuhr brav meine Führungen. So kam bald der nächste Verpflegungspunkt, um für den folgenden Pass die Vorräte aufzufüllen. Der Lukmanier stand nun auf dem Programm. Es geht auf ca. 40km 1650m bergauf bis knapp unter 2000m. Mit einer Durchschnittssteigung von 5% sollte man meinen, es wäre eine der einfacheren Aufgaben. Aber man täuscht sich, denn die letzten Kilometer ziehen sich unglaublich lang hin und die 10% max. Steigung tun dann einfach nur weh. Nun nahm das Drama seinen Lauf. Ständige Krämpfe plagten mich. Aber ich fand endlich eine Lösung und musste in den Wiegetritt gehen, um dem Krampf entgegen zu wirken. Durch den langen Anstieg, meine stark abnehmende Form und den mittlerweile sommerlichen Temperaturen, gingen meine Getränkvorräte langsam zuneige. Zum Glück kam dann eine Quelle. Naja ok, es sah mehr nach einer Kuhtränke aus, aber mir war mittlerweile egal mit wem ich das kostbare Nass teilen könnte. Hauptsache es hilft, dass ich endlich über diesen Bergrücken kam. Nach unendlichen 2,5h hinter der letzten Verpflegungsstelle erreichte ich endlich die Passhöhe. Nach der erfolgreichen Plünderung aller angebotenen Leckereien ging es in die wenig spektakuläre Abfahrt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Oberalppass

Nummer vier der Bergmonster war der Oberalppass. Nun endlich musste es doch mal einen Anstieg geben, bei dem man sagen konnte: „Der war der leichteste.“ Die Daten sprachen auch dafür, dass man hier am wenigsten leiden musste. Auf 21km ging es mit einem Schnitt von 5% Steigung mit 900hm auf knapp 2000m. Die erste Hälfte entsprach auch ganz artig meiner Hoffnung und es ging gut voran. Außer, das mir immer mal ein Handschuh aus dem Trikot fiel und ich ein Stück zurück musste, war ich guter Dinge. Doch selbstverständlich musste es auch hier einen Haken geben. Diesmal aber zur Abwechslung durch eine ordentliche Brise Wind. An der Steilwand hinauf zur Passhöhe kam mit Windstärke Gröbers (Insider) eine so miese Hürde dazu, dass ich nun langsam mit Fluchen begann. Bei einer Steigung von 10% stemmte ich mich mit allem was die Beine noch hergaben gegen den Wind bis zur nächsten Kehre. Der nun folgende Rückenwind animiert ja eigentlich dazu, ordentlich an der Kurbel zu drehen, aber in diesem Fall nutzte ich diese Phase einfach nur, um  ein wenig Kraft zu sammeln, um nach der nächsten Serpentine wieder mit allen Mitteln gegen Steigung und Wind ankämpfen zu können. So zog sich das hin, bis endlich die Passhöhe erreicht war. Der kalte Wind zwang nur zu einer kurzen Pause, und es ging gleich in die Abfahrt. Für diesen kurzen Augenblick hatte ich mal wieder richtig Spaß und zirkelte die Serpentinen hinunter. Bei der Zeitmessung kurz vor der Abfahrt Richtung Wassen hörte ich kein Piepsen und hatte Angst, dass ich nicht gewertet wurde. Eine Horrorvorstellung bei dem, was ich mir hier angetan habe. Also fuhr ich wieder zurück zur Zeitmessung. Dort erklärte man mir, wie das Ganze funktioniert und dass das Piepsen schon einige Meter bevor man über die Matten fährt, ertönen kann. Ich solle mir keine Sorgen machen und weiterfahren. Damit hab ich neben den Handschuheinsammelaktionen auch wieder ein wenig Zeit liegen lassen, aber ganz ehrlich…das war mir mittlerweile so was von egal….Also ging es in die Schöllenschlucht. Eine beeindruckende Abfahrt. Aber man muss doch sehr konzentriert sein, denn man muss hier sehr auf den Verkehr achten. Es ging durch Galerien und Tunnel in engen Kurven nach unten. Ein Meisterwerk der Straßenbaukunst.

 

 

 

 

 

 

 

 

Sustenpass

Ich wusste nicht so richtig, ob ich mich über den letzten Pass freuen oder ihn fürchten sollte. Eigentlich steht ja nur noch dieser Berg im Weg und dann ist es geschafft.

Doch seine Daten verraten nichts Gutes. Auf 18km ging es noch mal 1300hm hinauf mit durchschnittlich 7% und max. 12% in die Wolken. Die Straße zieht sich endlos erscheinend an einer Bergflanke entlang. Wieder zuckten die Beinmuskeln und verkrampften. Ich war hier mit den Kräften am Ende. Ich war aber nicht der einzige, dem es so erging. Manche mussten hier schieben, andere wankten mit ihrem Oberkörpern hin und her, um mit Hilfe des Körpergewichts ein klein wenig Druck auf die Pedale zu bringen und die Beine zu entlasten. So sehr musste ich noch nie an einer Steigung leiden. Ich fragte mich, warum ich mir kein anderes Hobby suchen konnte. Zum Beispiel Briefmarken sammeln, Computer spielen oder Fussballerbildchen tauschen und einkleben. Irgendwas ohne Anstrengung, Schinderei und Krämpfen. Aber nein, ich wählte ausgerechnet das Bestehen von schweren Radmarathons. Und das habe ich nun davon, Schmerzen, totale Erschöpfung und qualvolle Momente. Hier an diesem Berg wurden mir knallhart meine Grenzen aufgezeigt. Als die Serpentinen begannen, war dann der Ofen aus. Bisher hatte ich immer nur in Erfahrungsberichten davon gelesen, dass man mit sich selbst spricht, wenn einfach kein Funken Kraft mehr da ist, aber man trotzdem noch eine solche Wand vor sich hat. Ich sagte mir: „Dafür hast du ein halbes Jahr trainiert, du kannst jetzt nicht aufgeben, kämpfe…kämpfe…KÄMPFE!“ Es ging um die letzte Serpentine, nur noch ein paar hundert Meter bis zum Scheiteltunnel. Jeder Tritt war pure Quälerei. Diese letzten Meter waren unglaublich lang und schwer, doch irgendwie schaffte ich es doch und kam fix und fertig am Verpflegungspunkt an. Ich nahm nur einen Becher Cola und zog mich schnell an. Es war so bitter kalt dort oben. Ein Leidensgenosse saß ebenfalls oben und packte sich warm ein. Jedoch hatte er einen Handschuh verloren und fuhr ohne in die Abfahrt. Ich weiß nicht, wie er da noch die Bremsen bedienen konnte, denn ich zitterte dort oben wie Espenlaub. Er fuhr kurz vor mir in die Abfahrt. Als er mitbekam, dass ich nicht weit weg war, wartete er und wir gingen gemeinsam auf die letzten Kilometer. Es ging nur noch bergab, von 2200m bis auf 630m. Es fiel so schwer, trotzdem noch zu treten, aber die Aussicht gleich im Ziel zu sein weckte die letzten übrig gebliebenen Kräfte. Mein Mitstreiter hatte einen ordentlichen Zug in den Kurven drauf, und ich musste hochkonzentriert bleiben, um keinen Fehler zu machen. So unterstützten wir uns gegenseitig und kämpften die Welle vor Meiringen hinauf, um endlich endlich endlich über die Ziellinie zu fahren.

 

Es war tatsächlich eine Prüfung und selbst beim 24- Stundenrennen bin ich nicht so an meine Grenzen gestoßen. Meine Zielsetzung von 12 Stunden habe ich um eine ganze Stunde verpasst und dies kratzte schon ganz schön am Ego.

Jetzt mit ein paar Wochen Abstand, ist von der Resignation nichts mehr zu spüren und das Bestehen dieser Tortur erfüllt mich mit Stolz. Es war ein unglaubliches Erlebnis. Die Veranstaltung war perfekt organisiert. An den Verpflegungspunkten gab es alles was das Herz begehrte und die freiwilligen Helfer waren super nett. Ein riesengroßes Lob an den Veranstalter! Ich komme garantiert wieder. Die Landschaft war so beeindruckend und die Strecke die schönste Runde, die ich jemals gefahren bin.

3 Antworten zu “Grenzerfahrung Alpenbrevet”

  1. avatar M. sagt:

    Wahnsinn! !!!
    Auf der suche nach neuen Zielen und Strecken habe ich von dem Alpen Brevet gehört. 7000hm auf 2700km hört sich schon brutal an. dein toller Bericht macht es aber noch einmal mehr klar, das ist extrem brutal und kein zuckerschlecken.
    vielleicht suche ich mir erstmal etwas mit weniger pässen zum Anfang 🙂
    ich fahre zwar gerne ind viele HM. aber eher in Richtung des Amstel Gold Race…. also viele kurze steigungen….

    in diesem sinne…. Respekt vor jedem der diese Strecke fährt

  2. avatar swisswool sagt:

    …du warst aber nicht zufällig der, der mich am Susten ungläubig auf mein Singlespeed angesprochen hat. Aber ich Lusche bin ja auch nur Gold gefahren 😉 Top Leistung! Nächstes Jahr versuche ich im Juni mal außer Konkurrenz die Platin-Runde. Da muß dann vielleicht doch ein zweiter Gang für das Flachstück nach Biasca runter her…
    Ride!

  3. web Seite im Umbruch. War auch dabei , hast einen super Bericht geschrieben . Gefällt mir. Nächstes Jahr wieder dabei ? Für mich gute Vorbereitung für den Furnace Creek in Californien. häb e guete Winter , elg Mändu

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