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24 Stunden Rennen von Kelheim

Einen Tag auf dem Rad zu verbringen, klingt nach einer gemütlichen Ausfahrt. Jedoch erhält diese Formulierung bei einem 24 Stunden Rennen eine ganz andere Bedeutung.

 

 

 

Es waren bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen, wenn ich meinen Traum, am `race across the alps` teilzunehmen, realisieren wollte. Um sich für das RATA zu qualifizieren, ist z.B. der Nachweis nötig, dass man innerhalb von 24 Stunden 540km auf dem Rad zurücklegen kann. So kam ich auf die Idee, diese für normal sterbliche unrealistische Anstrengung auf mich zu nehmen. Ursprünglich wollte ich dafür das Rennen auf dem Nürburgring nutzen. Aber der Termin lag sehr ungünstig, genau eine Woche vor dem Alpenbrevet. Also entschied ich mich für das 24h Rennen in Kelheim. Nach ein paar Recherchen erkannte ich schnell, dass dies eindeutig die bessere Wahl war. Die Stimmung dort musste gigantisch sein und die Organisation perfekt.

Aber wie bereitet man sich auf eine solche Belastung vor? Ich versuchte im Training immer mit wenigen Spitzen und möglichst konstanter Leistung eine gute Grundlage zu schaffen. Diese Einheiten fuhr ich meist allein, da im gemeinsamen Training mit dem Verein die Zielsetzungen zu unterschiedlich waren. Vier Wochen vorher absolvierte ich eine Testfahrt mit 12 Stunden auf dem Rad von Halle nach Seesen durch den Harz und wieder zurück. Durch diese Ausfahrt konnte ich einige Erfahrungswerte sammeln.

 

So ging es dann am Mittwoch Abend, dem 10.07., auf den Weg nach Kelheim. Im Gepäck ein Pavillon und ein Zelt, um die nächsten Nächte auf dem seit Dienstag zum Campingplatz umfunktionierten Parkplatz zu überstehen. Ich trat die Anreise recht früh an, um einen guten Platz direkt an der Strecke zu sichern. Nachdem ich eintraf waren jedoch schon die besten Plätze durch Absperrband reserviert. Ein wenig ärgerlich, denn die meisten von denen sind dann erst am Samstag Morgen angereist. Also verbrachte ich die ersten Nächte dort allein. Es dauerte nicht lange, und die ersten Kelheimer wurden auf den einsamen Camper auf dem Parkplatz aufmerksam. Man widmete mir sogar einen ganzen Artikel in der Zeitung.

So lernte ich viele Leute kennen, wie z.B. Franz (ein typischer Urbayer), der mir sogar einen Platz direkt an der Strecke vor seinem Haus anbot. Aber auch viele spätere Teilnehmer waren dabei, wie z.B. Uwe Blaffert aus der Nähe von Mannheim, der mir unterwegs noch eine große Hilfe sein sollte, sowie Klaus Käfer, der beeindruckende Anekdoten von seinen Teilnahmen beim RAAM erzählte. Mit ihm und Mischa Runkel ging es zur Streckenbesichtigung mit vielen wertvollen Tipps. Am Freitag Abend traf dann  Alex, der erste meiner beiden Betreuer ein. Am Samstag Vormittag wurden dann die letzten Vorbereitungen getroffen und der Ablauf der einzelnen Stopps abgesprochen. Nach der Fahrerbesprechung wurde es dann langsam ernst. In der Startaufstellung befand ich mich ungefähr in der Mitte, um der Hektik im vorderen Bereich aus dem Weg zu gehen. Man kennt ja dieses Kribbeln, wenn man am Start eines Rennen steht, aber das Gefühl, von nun an bis in den Abend hinein, durch die ganze Nacht in den Morgen und bis zum frühen Nachmittag Leistung zu bringen, ließ den Puls auch ohne jegliche Anstrengung in den roten Bereich steigen. Die Aussage eines Staffelfahrers neben mir „Du bist wohl auch einer von den Einzelstartern? Ihr seid doch verrückt!“ machte die Situation auch nicht besser.

 

Dann endlich kam pünktlich um 14.00 Uhr der Startschuss und das Fahrerfeld setzte sich in Bewegung, um so oft wie möglich die ca. 16,4km lange Runde unter die Räder zu nehmen. Ich nahm mir fest vor, gerade am Anfang nicht die Körner zu verschenken. Trotzdem war das Tempo sehr hoch und es gab viel Hektik in der Fahrweise der Teilnehmer. Die ersten drei Runden fuhr ich mit einem 35er Schnitt, der sich dann in der nächsten Zeit auf 32 reduzierte. Bis in den Abend rein ging die Zeit sehr schnell um und ich habe mich richtig gut gefühlt.

Teamarbeit

Die Verpflegung durch Alex und Andre, der kurz nach dem Start in Kelheim eintraf, funktionierte reibungslos. Ich rief ihnen meine Wünsche zu und eine Runde später übergaben sie mir ohne jeglichen Geschwindigkeitsverlust salziges Wasser, Iso, Riegel, Gel und Bananen. So konnte ich mich voll und ganz auf die Strecke konzentrieren. Vor allem im Zielbereich musste man sehr aufpassen. Ein durch Absperrgitter abgegrenzter 1,5m breiter Kopfsteinpflasterweg führte durch das Festzelt auf dem Marktplatz, wo die Zeitnahme stattfand. Die Stimmung dort war atemberaubend. Doch nicht nur in diesem Bereich gab es viel Publikum. Am ´Col de Stausacker´ dem höchsten Streckenpunkt, wurde mitten im Wald eine Fanmeile eingerichtet, wo dann genau wie die Fahrer selbst 24 Sunden lang alles gegeben wurde, um jeden einzelnen Fahrer mit ordentlichem Lärm die Steigung hoch zu brüllen. Und genau das macht diese Veranstaltung zu etwas ganz einmaligem.

Kurz vor  20 Uhr, in Runde 13, stand der erste Stopp an. Als ich ankam, war schon alles durch meine Helfer vorbereitet. Während ich mir ein paar Nudeln reindrückte, wurde in der Zwischenzeit das Licht installiert und Getränke sowie Nahrungsreserven wieder aufgefüllt. Es war noch ziemlich warm und ich entschied mich erstmal nur die Armlinge anzuziehen. In der 18. Runde fielen die Temperaturen stark ab und ich hielt noch mal kurz, um Windjacke, Beinlinge und Handschuhe überzuziehen.

schmerzendes Kopfsteinpflaster

Nun machten sich die ersten Ermüdungserscheinungen bemerkbar und die Schmerzen nahmen zu. Vor allem die Handflächen und die Handgelenke spürte ich sehr und die Klopfsteinpflasterpassage im Zielbereich machte die Sache nicht besser. Aber ich konnte noch gut kämpfen und die Rundenzeiten blieben einigermaßen konstant. Jedoch konnte ich das Ziel nur zwei Stopps zu machen, nicht realisieren. So hielt ich immer mal wieder bei meinem Team an. In der 23. Runde bekam ich dann richtige Probleme. Ich wurde sehr müde und konnte kaum noch das Tempo oben halten. Am Stausacker überholte mich dann Uwe, der noch guten Druck auf den Pedalen hatte. Ich hatte es sehr schwer, sein Hinterrad zu halten, aber ich hatte einfach nicht die Kraft zu sagen, dass ich  hinter ihm bin und ich in Schwierigkeiten war. Am Flachstück der Strecke deutete er an, dass ich nun mal führen könnte, aber ich stammelte nur „ich kann gerade keine Führung fahren“. Er fuhr dann neben mir und konnte mich endlich erkennen, denn in der Nacht konnte man die Fahrer durch das ihr Licht und die Warnwesten nur schwer unterscheiden. Er meinte nur: „Ach Mensch Martin, du bist das ja, häng dich wieder hinten dran, ich bring dich zurück.“ Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Nun gab es also erst mal wieder eine längere Pause. Mit RedBull versuchte ich die Müdigkeit zu überwinden und ging wieder auf die Strecke.

einsame Runden durch die Nacht

So langsam konnte man am Himmel die ersten Anzeichen für den neuen Tag erkennen. In Runde 26 sagte mir Alex dann, dass ich in der nächsten Runde wieder rein kommen soll, um das Licht abzubauen. Dann auf einmal passierte es. Am Ende des ersten Anstiegs ging gar nichts mehr. Ich hatte plötzlich mehrere Sekundenschlafattacken und starken Schwindel. Ich hielt an und aß den gesamten Nahrungsinhalt in meiner Trikottasche auf, da ich vermutete, ein Zuckerproblem zu haben. Aber es half nichts. Ich rettete mich mit letzter Kraft und einer Geschwindigkeit weit unter 30 wieder zurück zum Lager und legte mich schlafen. Nach 20 Minuten sollten sie mich  wecken. Nachdem die Zeit abgelaufen war, bat ich um weitere 10 Minuten Schlaf. Als sie mich wieder aus den Träumen rissen  konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, noch mal aufs Rad zu steigen. Es fehlten noch 100km bis zur 540er Marke. Ich zitterte am ganzen Körper vor Kälte und meine Beine schmerzten so stark, dass ich kaum aufstehen konnte. Wären Alex und Andre nicht da gewesen, hätte ich an diesem Punkt aufgegeben. Ich war total am Ende. Aber sie motivierten mich, weiter zu machen und setzten mich förmlich wieder auf das Rad. Ich zog mir meine gesamten Kleidungsvorräte an. Das war Kleidung, die eigentlich im Winter zum Einsatz kommt. Noch einmal RedBull und es ging wieder los.

Vollkommen kaputt

Alex begleitete mich noch 3 Runden. Und entgegen meinen Erwartungen erholte ich mich von dieser extremen Schwächephase wieder und konnte auch wieder ein wenig Druck auf die Pedale bringen. Als es wärmer wurde,  kamen wieder mehr Leute an die Strecke und meine Motivation stieg von Runde zu Runde. Die 600km- Marke war auf einmal erreichbar und ich entwickelte wieder den Ansporn, ordentlich an der Kurbel zu drehen. So spulte ich wie im Trance die letzten Runden ab. Dann begann das Rechnen. Wie viele Runden schaffe ich noch? Es würde ganz knapp werden. Als ich in der 37. durch das Ziel brauste, standen noch 1:05h auf der Uhr. Es könnte für zwei Runden reichen, aber mir war klar, dass dies jetzt nicht mehr möglich war, da mein Körper komplett ausgelaugt war und ich mit 38 Runden meine Erwartungen schon übertroffen hatte. Also gab ich in dieser Runde noch mal alles. Am höchsten Punkt der Strecke sammelte sich dann noch eine Gruppe von 8 Einzelstartern. Da keiner wusste, in wie weit der andere platziert war, konnte der Zieleinlauf dieser Runde noch etwas am Gesamtergebnis bewirken. Also wurde das Tempo noch mal hoch angelegt, und es gab auf dem Flachstück ein Ausscheidungsrennen. Die Gruppe schrumpfte bis auf drei Mann. An einer recht steilen Brücke kurz vor dem Ziel konnte ich mich noch einmal absetzen.

Zieleinfahrt

Nun endlich ging es ein letztes Mal durchs Ziel. Ich konnte endlich die Stimmung dort genießen. Langsam rollte ich wieder zurück zu den Jungs. Die ganzen Schmerzen waren vergessen und die Freude, mein Ziel erfüllt zu haben, machte mich unglaublich stolz.

 

 

 

Am Ende reichten 38 Runden, 622km mit über 7000hm, in einer Nettofahrzeit von 21,5h und einem glatten 29er Schnitt für einen 13. Platz.

das ist doch mal ein Höhenprofil

In vielen Erfahrungsberichten liest man, dass man nach dem Rennen sagt: „Das werde ich mir nie wieder antun.“ Aber später wird man dann doch wieder teilnehmen. Bei mir ist das anders. Direkt nach der Zieldurchfahrt schmiedete ich schon Pläne, was ich das nächste Mal besser machen könnte, um noch ein paar Runden drauf zu packen und die 700er Marke zu knacken.

 

Ein riesengroßer Dank geht an meine beiden Helfer Alex und Andrè, die mich bedingungslos unterstützten, um meine Ziele zu erreichen. Für sie war es ein eben so langer Tag, an dem sie mich pausenlos verpflegten, motivierten und mir im richtigen Augenblick  den wichtigen A…..tritt verpasst haben.

 

Die Belastung war sehr heftig. Ich brauchte 2 Wochen, um einigermaßen wieder normal trainieren zu können. Der Schlafentzug verbunden mit der Anstrengung kostete unglaublich viel Kraft. Taube Fingerspitzen sind nur eine der Nachwehen dieser Tortur, die bis heute anhalten.

Trotzdem werde ich wieder im nächsten Jahr am Start stehen, um mich dieser Herausforderung zu stellen. Es war für mich eine sehr intensive Erfahrung. Ich habe  gelernt, die wahren Grenzen meiner  körperlichen und psychischen Belastbarkeit zu erkennen. Es war ein Wechselbad der Gefühle, die man so konzentriert in einem „kürzeren Zeitraum“ nicht erleben kann.

unvergessliche Momente

 

 

2 Antworten zu “24 Stunden Rennen von Kelheim”

  1. avatar Mathias sagt:

    Toller Bericht Martin. Und grandiose Leistung!

  2. avatar André Hopf sagt:

    Ein sehr schöner Bericht. Hat richtig Spaß gemacht, ihn zu lesen!

    Ach ja… du bist verrückt!!! 😉

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